Die Welt als Bühne

In Montepulciano befindet sich ein wunderbares Kleinod: das Teatro Poliziano. Dieses historische Theater liegt von außen völlig unscheinbar etwas unterhalb der Piazza Grande. Den Haupteingang bildet ein mächtiges Portal, das aber – anders wie wir es von unseren freistehenden Theaterbauten des 19. Jahrhunderts kennen – in der Bebauung nicht gesondert hervorgehoben ist. Nur kleine Treppenstufen, ein unscheinbares Geländer und zwei Schaukästen weisen Passanten darauf hin, dass sich hinter den mächtigen Mauern etwas verbirgt. Und wer diesen Innenraum einmal betreten hat, den lässt der Anblick so schnell nicht wieder los: kleine Emporen, ein mächtiger Kronleuchter, eine flache Kuppel mit Bemalung, zarte Verzierungen an den Balkonen – ein Raum wie gemacht, um ihn auch „anders“ zu nutzen. Besonders fasziniert hat mich an diesem Gebäude aber noch etwas anderes: Es ist in den Hang gebaut. Der Haupteingang liegt um einige Meter tiefer, als der Hinterausgang, durch den die Büros der technischen Leitung betreten werden. Wer also von der obersten Empore durch die Schneiderei und den Fundus über eine steile und mächtige Steintreppe wieder hinaussteigt – landet auf der Ebene der Piazza Grande und damit auf der Kuppe des Hügels, auf den Montepulciano gebaut wurde. Und neben der Irritation, die diese bauliche Besonderheit hervorruft, ist dieser riesige, teilweise überwölbte Unterbau gefüllt mit der Inszenierungsgeschichte dieses Hauses. Ein riesiges Enviroment, das quasi durch sich selbst erschaffen wurde!

Foto: Il-Suk Lee; Text: Sybille Fraquelli